Grüner Gestalten

Alle reden über den Klimaschutz, aber keiner fängt an. Auch wenn unser Energieverbrauch mittlerweile allgemein als etwas überzogen erkannt wird (mit 11 t CO2 pro Kopf und Jahr WBGU), so spielt er doch in unseren alltäglichen Entscheidungen kaum eine Rolle. Das Klima, und erst recht seine langsame und graduelle Veränderung, ist einfach zu abstrakt und zu “weit weg”. Wir können uns sehr viel besser den Aufwand vorstellen, den es bedeutet einen neuen Kühlschrank anzuschaffen (auszusuchen, preiszuvergleichen, abzuholen, den alten loszuwerden, …), als die Vorteile, die das eines ferneren Tages im Geldbeutel oder gar global klimatisch ausmachen wird.

Sicherlich sind viele prinzipiell für mehr Energieeffizienz und würden sich im täglichen Leben auch umorientieren. Allein, wie verhindert man, dass die hehren Vorsätze im Alltag von anderen Aufgaben wieder ins Vergessen gedrängt werden? Energieverbrauch, wie Strom und Wärme, ist von sich aus ziemlich unsichtbar und unauffällig.

Das beste Beispiel dazu sind die Strom- und Gaszähler, die in der Regel in den verstecktesten Winkeln der Wohnung hängen (und wer hat schon einen schicken Stromzähler?). Wenige wissen, was der Zähler gestern oder letztes Jahr angezeigt hat, oder ob das nun vergleichsweise viel oder wenig ist. Bestenfalls die jährliche Abrechnung bringt den Verbrauch in unsere Aufmerksamkeit, und die öden Zahlentabellen laden gar nicht erst zum Lesen ein.

Unsichtbares sichtbar zu machen” ist die Aufgabe, die sich das Interaction Design gestellt hat. Üblicherweise geht es dabei um die Gestaltung der Bedienung von elektronischen Geräten. Eine der ganz grundlegenden Eigenschaften, nämlich der Stromverbrauch, hat dabei nur bisher keine Rolle gespielt (höchstens vielleicht beim Akkuladestand).

Wie Energieverbrauch unaufdringlich, aber beständig Teil unserer Alltagsumgebung werden kann, zeigte die Ausstellung Visual Voltage Anfang des Jahres. Organisiert vom Kulturinstitut Schwedens (Svenska Institutet) und dem Interactive Institute, einem Verband von Designforschungseinrichtungen, wollte Schweden damit den Schwerpunkt seiner EU-Ratspräsidentschaft unterstreichen.
Zu den prägnantesten Stücken gehört der Power Aware Cord, ein Mehrfachstecker, dessen Kabel mit leuchtenden Fäden animiert ist. Man kann den Strom förmlich fließen sehen. Je mehr angeschlossen ist, desto heller und hektischer leuchtet das Kabel, aber auch kleine Standby-Dauerverbraucher werden damit verraten.
Eine Installation von Stefan Stubbe nimmt sich des Wasserverbrauchs an: Nicht beim täglichen Zähneputzen verbrauchtes, sondern “virtuelles”, mit brasilianischem Kaffee und spanischen Tomanten importiertes. Auf einer Stele ist ein Wasserhahn über einer Tasse montiert. Drückt man daneben auf die Taste für eine Tasse Kaffee, rauschen 80 Liter Wasser in die Tasse (die freilich unten ein Loch hat); soviel wird für die Herstellung tatsächlich verbraucht, das meiste davon außerhalb Deutschlands.

Wie sehr eine gute Gestaltung zum Erfolg neuer Technologien beitragen kann, ist vermutlich mit dem schon ganz abgenudelten Beispiel des iPhones deutlich geworden. Natürlich hat Apples geölte Marketingmaschine einen bedeutenden Anteil daran. Aber wahrscheinlich kennt auch jeder eine Geschichte aus dem persönlichen Umfeld über eine Oma, die mit dem iPhone nicht nur den Mobilfunk, sondern auch gleich das mobile Internet für sich entdeckt hat.

Produktgestaltung kann also unseren Alltag sehr nachhaltig beeinflussen, ganz jenseits der bloßen Verschönerung, mit der es oft verwechselt wird (die Oma benutzt das Telefon ja nicht, weil es ihrem “Style” entspricht, sondern weil sie das Bedienkonzept versteht). Aber lenkt dieser Einfluss die Aufmerksamkeit auf die entscheidenen Punkte? Wer (auch welcher Designer) weiß schon, dass alte Umwälzpumpen von Heizungen zu den größten Stromverbrauchern im Haushalt gehören? Einigen wird gar nicht bewusst sein, dass so ein Gerät in ihrem Boiler sitzt.

Design kann unsere Umwelt informativer werden lassen, etwa wenn der Stromzähler einen Vergleich zum Vorjahresniveau anzeigt oder verrät, welches Gerät genau den größten Energiehunger an den Tag legt. Design kann außerdem Einfluss auf unser Verhalten nehmen, indem beispielsweise meine Energiezentrale anzeigt, wie gut ich mich beim Energiesparen im Vergleich zu meinem Nachbarn schlage (und mit einem Facebook-Anschluss kann ich mein grünes Herz sogar öffentlich zeigen). Aber wieviel ist gewonnen, wenn man dann gut-grünen Gewissens fünf Mal im Jahr Freunde in Australien und El Salvador anfliegt? Oder das Licht in seinem Altbau mit Vorkriegsisolierung öfter mal ausschaltet?

Angesichts der eindrucksvollen Möglichkeiten, mit den Mitteln der Gestalter die Menschen auf den Energiesparpfad zu lotsen, sollte man nicht vergessen, vorher über die Dringlichkeit der propagierten Maßnahmen nachzudenken. Sonst ist ganz schnell viel Aufmerksamkeit auf marginale Verbesserungen verschwendet. Um zum obigen Beispiel mit der 80l-Kaffeetasse zurückzukommen: Eine Menge Energie wird gar nicht innerhalb der eigenen vier Wände verbraucht, sondern in Form von verschiedenen Produkten und Dienstleistungen (z.B. dem Internet) importiert. Dieser Verbrauch ist oft erheblich, lässt sich aber gar nicht so einfach genau berechnen (z.B. weil man die Verarbeitungskette nicht genau kennt) – und noch weniger dem Endverbraucher auf die Schnelle erklären.

Design kann an vielen Stellen helfen, die Welt verständlicher zu machen. Es kann die Aufmerksamkeit aufs Energiesparen lenken und es gleichzeitig angenehm in den Alltag integrieren. Es braucht aber eine kritische Rückkoppelung mit anderen Disziplinen um die wirklich vielversprechendsten Maßnahmen im Blick zu behalten. Und schließlich: Es wird nur Anzreiz zur Veränderung geben. Handeln muss jeder selbst. Einfach wegstylen lässt sich das CO2 nicht.

[Anmerkung: Ich bin zwar nicht direkt in den Workshop involviert, arbeite aber für die Firma, die ihn mitorganisiert]

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