Neugier

Meine charakteristische Neugier bezieht sich nicht nur auf das Geschehen in meiner Umgebung, sondern auch auf das, was dahinter steckt. Beides erachte ich als entscheidend für mein Selbstverständnis als Designer, denn ich muss später berücksichtigen, dass ich die Lebenswelt anderer Leute verändere. Neugier bedeutet für mich auch, meine Aufgabe und meine Werkzeuge technisch wie gedanklich in ihre Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren. Daraus ergibt sich eine gewisse Souveränität über den aktuellen Sachzwang, mit der man nach neuen Lösungen und Ideen Ausschau halten kann. Diese neu entdeckten Möglichkeiten dann auch zum Leben zu erwecken und in der Realität auszuprobieren, ist der Schritt von der Analyse zur Gestaltung. Die beständige Reproduktion des immer Gleichen ist nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich, weil man sonst allzu leicht gute wie schlechte Strukturen übernimmt und verfestigt.

Wo Neugier ist, wird Austausch besonders wichtig. Für Kommunikationsdesigner wird er damit zum Untersuchungsgegenstand, sie verfügen über besonderes Wissen darüber und können den Übermittlungsprozess entscheidend beeinflussen. Weil dieser Prozess Netzwerke, Kooperationen und Gemeinschaften (nicht nur im Internet) hervorbringen kann, gewinnt die sonst manchmal bescheiden anmutende „Verschönerungsdisziplin” schnell politische Bedeutung. Durch die vielen Kontakte, die in der vernetzten Welt möglich sind, entwickelt sich gerade dort sehr viel Neues, das auch gesellschaftlich relevant wird (wie Joitchi Ito beschreibt).

In der heutigen Zeit bestehen unsere Ansprechpartner nicht mehr zwangsläufig aus Fleisch und Blut. Selbst wenn wir einmal nicht mit Computern und Industrieautomaten kommunizieren, nimmt unser Dialog sehr häufig den Weg durch Telefonvermittlungszentren, Briefsortier- und andere Maschinen. Unser Verhältnis zu den Geräten entscheidet sich an der Oberfläche, dort wo wir mit ihnen interagieren (als Zeichen dafür lässt sich werten, dass der Monitor angeschrien wird, auch wenn der Computer unter dem Tisch steht). Die Gestaltung möglicher „emotional interfaces” war der Gegenstand meiner Diplomarbeit. Durch die intensive Forschung wird diese Schnittstelle massiven Veränderungen unterzogen, etwa, wenn sich Menschen (über den Herzschrittmacher hinaus) weiter mit den Maschinen verbinden oder Computer emotionale Kompetenzen gewinnen.

All diese Themen spielten in meinem Design-Studium bereits eine Rolle und helfen mir, mich in den Feldern des Interaction Designs zu orientieren. Mein Interesse wurde geweckt, aber durch den breitgefächerten Ansatz des Studiums konnte ich mich keineswegs ausführlich genug damit beschäftigen. Die vielen und oft grundlegend neuen Ansätze im Interaction Design lassen erahnen, wie sehr dieser Bereich in Bewegung ist. Um an dieser Entwicklung mitzuarbeiten und auch, um ihr im akademischen Austausch auf den Grund gehen zu können, halte ich ein Aufbaustudium für den nächsten sinnvollen Schritt. Obwohl im Design nicht häufig, wird der Weg in die Forschung für mich immer naheliegender.

Neue Entwicklungen ergeben sich oft durch ungewöhnliche Eingaben von außen. Wie ich in einem großen Projekt am Mannheimer Nationaltheater zwischen Theater und Film („tell”) erleben konnte, ist z.B. das Zusammenspiel von Informatikern, Theaterwissenschaftlern und Mediengestaltern oft aufwendig und anstrengend. Es wäre aber völlig undenkbar gewesen, anders mit einer solchen Produktion technisches und dramaturgisches Neuland zu betreten. Genau nach dieser Interdisziplinarität werde ich mich auf die Suche machen.

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